„Badewanne“ fürs Trockene: Der Ford Taunus 17M (P3) feiert 2020 60-jähriges Jubiläum. „Badewanne“ fürs Trockene: Der Ford Taunus 17M (P3) feiert 2020 60-jähriges Jubiläum. - © Foto: picture alliance/dpa/dpa-tmn | Thomas Geiger -
DAUN, 29.09.2020 - 11:14 Uhr
Auto & Technik

In der „Badewanne“ auf die Straße: 60 Jahre Ford Taunus 17M

(dpa/tmn) - Was dem Amerikaner die Heckflosse, das war dem Deutschen der Gelsenkirchener Barock. Doch egal welchen Namen man dem Stil auch geben mochte: Hier wie dort waren die Autos in den 1950ern schwülstig gezeichnet und hoffnungslos überladen. Zumindest bis Ford im Oktober 1960 den Taunus 17M an den Start brachte.

Das interne Kürzel P3 weist das Auto als erst dritte Neuentwicklung nach dem Krieg aus. Mit dem Mittelklässler haben die Kölner Schluss gemacht mit dem Schwulst und sich einer neuen, nüchternen und klareren Formensprache verschrieben.

Mit ganz wenigen Linien gezeichnet von Designer Uwe Bahnsen, wollte der Taunus Aufbruch signalisieren und gestalterische Irrungen wie den Nierentisch und sein Ambiente hinter sich lassen. Zierrat wie die sonst üblichen Chromleisten auf den Flanken hat Bahnsen deshalb kurzerhand weggelassen, den sonst oft prominent präsentierten Tankdeckel gar hinter dem Nummernschild versteckt.

Schnörkellose Form macht den Ford windschlüpfiger

Und der Kühlergrill macht sich ganz klein zwischen den erstmals ovalen Scheinwerfern. Diese waren nach dem damaligen Pressetext zufolge „kein modisches Attribut, sondern ein weiterer Beitrag zur Erhöhung der Verkehrssicherheit und des Fahrkomforts“.

Vor allem aber ging den Machern mit dieser selbst erklärten „Linie der Vernunft“ schon vor 60 Jahren um Effizienz: Glatt und schnörkellos, war der P3 deutlich windschnittiger als alles andere, was damals durch die Mittelklasse fuhr.

Mit einem cw-Wert von 0,40 lag er näher am Porsche 356 als bei Konkurrenzmodellen wie dem Opel Rekord - mit entsprechenden Vorteilen beim Fahren. Der P3 war, so berichten es die Chronisten bei Ford, zwanzig Prozent sparsamer als sein Vorgänger, konnte besser beschleunigen und erreichte eine größere Höchstgeschwindigkeit.

Bald kannte man den Taunus als „Badewanne“

Allerdings konnte Ford damit vielleicht Ingenieure und Journalisten beeindrucken, doch bei der Bevölkerung hatte der 17M schnell einen anderen Spitznamen weg: Wegen seiner gerundeten Flanken wurde der Taunus 17M zur „Badewanne“.

Aber so, wie das Wannenbad der Luxus des kleinen Mannes ist und vor 60 Jahren so besonders war, dass man es sich allenfalls am Wochenende gönnte, so wurde auch der 17M, der als zweitürige Limousine anfangs bei knapp 6700 D-Mark startete, zum Traumwagen der Mittelschicht und verwöhnte Lehrer oder Büroleiter mit einem Quäntchen Finesse, das den Abstand zu Mercedes oder BMW nicht ganz so schmerzlich erscheinen ließ.

Immerhin funkelte drinnen ganz anders als draußen reichlich Chrom, das anders als heute sogar noch auf echtes Blech aufgetragen wurde. Das Armaturenbrett war mit Kunststoff bezogen und das rote Plastilin-Leder der Sitze trug breite weiße Streifen, als hätte Ford für den Taunus einen amerikanischen Diner ausgeräumt.

Luftiger Innenraum und etwas lustfeindlicher Basismotor

Auch wenn man von den Fensterhebern bis zum Schminkspiegel viele Selbstverständlichkeiten moderner Modelle vermisst, bietet der Taunus heute etwas, das selten geworden ist: Platz im Hülle und Fülle. Obwohl mit 2,70 Metern Radstand und 4,45 Metern Länge kaum größer als heute ein Focus, sitzt man drinnen luftiger als im aktuellen Mondeo - von der besseren Aussicht ganz zu schweigen.

Nur unter der Haube ist es mit Luxus, Lust und Leistung nicht sonderlich weit her. Ja, es gab den Taunus über seine gesamte Laufzeit bis zum Modellwechsel im Jahr 1964 mit drei Triebwerken bis hin zum 1,75 Liter mit zuletzt 55 kW/75 PS, der dann sogar etwas mehr als 150 km/h schaffte.

Doch der Oldtimer aus der Klassik-Sammlung von Ford ist ein Basismodell, dessen Vierzylinder eine gewisse Demut lehrt. Aus 1,5 Litern schöpft der Wagen gerade mal 40 kW/55 PS, bis Tempo 100 lässt er sich über 20 Sekunden Zeit und mehr als 136 km/h sind nicht drin.

Aber heute will man mit so einem Auto ohnehin nicht schnell fahren, selbst wenn das Fahrwerk mit der blattgefederten Starrachse im Heck durchaus das nötige Vertrauen für eine flottere Spritztour vermittelt, die Lenkung halbwegs zielgenau ist und man irgendwann auch die am Lenkrad angeschlagene Viergangschaltung begriffen hat.

Und damals ließ man sich in einem Taunus auch nicht hetzen: Denn wer es mal in die „Badewanne“ geschafft hatte, der war schon vor der Fahrt an seinem Ziel angekommen.

Als Oldie im Kauf bezahlbar - aber es gibt einen Haken

Zwar ist die „Badewanne“ ein ebenso liebenswerter wie bezahlbarer Oldtimer. Obwohl viele der rund 670 000 gebauten Exemplare mittlerweile vom Rost dahin gerafft wurden, werden die verbliebenen Taunus aus den frühen 1960er für Preise deutlich unter dem Fünfstelligen gehandelt. Doch dafür hat der Unterhalt seine Tücken, räumt Ford-Sprecher Hartwig Petersen ein: Wichtige Funktionsteile werden mittlerweile von einigen Clubs sogar nachgefertigt.

Aber vor allem Zier- und Interieurteile sind Mangelware. Denn als 1977 das zentrale Ersatzteillager im Kölner Stadtteil Merkenich niedergebrannt ist, habe das auch den Nachschub für die Badewanne vernichtet. Wer also neue Konsolen oder Kleinteile sucht, sitzt in der Badewanne womöglich auf dem Trockenen.

Von Thomas Geiger, dpa


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