Gefährt für Generationen: Junior Rauscher übernahm den 1976er Unimog von seinem Vater. Gefährt für Generationen: Junior Rauscher übernahm den 1976er Unimog von seinem Vater. - © Foto: picture alliance/dpa/Harry Steininger | Harry Steininger -
DAUN, 26.07.2021 - 08:13 Uhr
Auto & Technik

Für keinen Einsatz zu schade: 75 Jahre Unimog

(dpa/tmn) - Die Kabine starrt zwar vor Dreck. Die Sitze sind längst aufgeplatzt, das Glas über dem Tacho ist fast blind. Und der Mercedes-Stern wird nur noch von Kabelbindern an der stumpf gewordenen Motorhaube gehalten - doch außer Schlamm und Staub lässt Andreas Rauscher auf seinen Unimog nichts kommen.

Denn obwohl der weinrote U421 bereits 45 Jahre auf dem Buckel hat, kraxelt der Winzer damit noch fast jeden Tag durch seine Weinberge im Neckartal. Nicht im Traum denkt er daran, auf einen modernen Traktor zu wechseln.

Arbeitstier verlangt nach Muckis in den Oberarmen

Klar ist der 2,4 Liter-Diesel mit seinen 38 kW/52 PS nicht der Stärkste. Wer drei, vier Mal ohne Servolenkung die engen Kehren hinauf zu Rauschers Weinberg gefahren ist, kann sich den Besuch im Fitnessstudio sparen - davon zeugen die dicke Oberarme des Besitzers. Die Kabine ist eng, die Türen sind schmal und die Sitze wären selbst dann unbequem, wenn die Polster die letzten Jahrzehnte nicht komplett durchgesessen wären.

Fürs Schalten braucht man mit dem unsynchronisierten Getriebe reichlich Feingefühl im Spiel mit Kupplung und Zwischengas. „Aber in der Summe seiner Eigenschaften ist der Unimog bis heute jedem anderen Fahrzeug überlegen“, sagt Rauscher, während er zwischen den Reben den steilen Hang hinaufkriecht und nur milde über die modernen Traktoren seiner Kollegen lacht.

Die Summe seiner Eigenschaften - genau die hatten Albert Friedrich, einstige Leiter Flugmotoren-Konstruktion von Daimler-Benz, und sein Kompagnon Heinrich Rößler im Sinn, als sie im Spätsommer 1945 das Lastenheft für den Unimog skizzierten, sagt Mercedes Classic-Sprecher Ralph Wagenknecht. Das „Universal-Motor-Gerät“, der Unimog entstand.

Auf der Habenseite sind...

Die Zutaten waren: hohe Bodenfreiheit, steile Böschungswinkel, vorbildliche Traktion, Ladefläche mit mindestens einer Tonne Tragkraft, zahlreiche Zapfwellen für den Betrieb von Zusatzgeräten, ein Tempospanne von 3 bis 50 km/h. Dazu eine standfeste Bremsanlage und ein halbwegs komfortables Fahrerhaus mit mindestens zwei Sitzplätzen. „Damit wollten die Macher im Notfall neben dem Traktor auch den Pritschenwagen und den Pkw ersetzen“, so Wagenknecht.

Anfangs kam dabei nur der Motor von Mercedes. Die Schwaben waren vollauf damit beschäftigt, ihre Pkw-Produktion wieder zum Laufen zu bringen. Sie wollten sich da kein weiteres Produkt aufhalsen. „Deshalb wurden die ersten Prototypen vor ziemlich genau 75 Jahren im Herbst 1946 bei Eberhard & Söhne in Schwäbisch Hall gebaut, bevor dann 1947 die Serienproduktion bei den Gebrüdern Boehringer in Göppigen ins Auge gefasst wurde“, zitiert Wagenknecht aus der Unimog-Chronik. Das erklärt das überraschende Logo auf den ersten Autos: Statt eines Sterns trugen sie einen Ochsenkopf auf der Haube.

Allerdings wurde Boehringer zum Opfer des Unimog-Erfolgs. Bei der Premiere auf der DLG-Landwirtschaftsausstellung 1948 in Frankfurt am Main kam er so gut an, dass die Produktion nicht hinterher kam. „Und weil der Firma das Geld für die nötige Aufrüstung fehlt, übernimmt doch Daimler, lässt den Unimog in Gaggenau vom Band laufen - und schmückt den Wagen dann natürlich auch mit einem Stern“, schließt Wagenknecht die lange Geburtsurkunde.

Große Fangemeinde hegt und pflegt das rustikale Arbeiter

Zwar war und ist Deutschland der wichtigste Markt für den Mercedes. Aber als Universalgenie hat der Unimog alle Kontinente unter die Räder genommen und ist weiter herumgekommen, als jeder andere Mercedes. Und er hat alle Moden und Krisen überstanden - und wird deshalb bis heute produziert, sagt Rainer Hildebrandt aus Hochstadt.

Er beziffert die Gesamtflotte auf mittlerweile mehr als 400 000 Fahrzeuge. „Und das Gros davon dürfte noch heute auf Achse sein.“

Hildebrandt ist Vorsitzender des Unimog-Club Gaggenau. Mit rund 8000 Mitgliedern in über 40 Ländern zählt dieser zu den größten Markenclubs bei Mercedes. Eine eigene Teststrecke sowie ein Museum mit über 100 Fahrzeugen gehören auch dazu. „Denn der Unimog ist nicht nur vielseitig einsetzbar, sondern ungeheuer robust“, begründet er den großen Bestand und adaptiert zum runden Jubiläum einen gängigen Scherz der Unimog-Fans: „Wie lange ein Unimog hält? Keine Ahnung, er wird ja erst seit 75 Jahren gebaut.“

Hochglanzoldie oder Hatz durch Staub und Schmodder

Dabei pflegen die meisten Mitglieder einen vergleichsweise unprätentiösen Umgang mit dem Klassiker. Zwar sei der Freundeskreis so universell wie der Unimog selbst. Der reiche vom Landwirt bis zum Richter. Doch während andere Mercedes-Oldtimer wie etwa ein Flügeltürer auf Hochglanz poliert und oft nur sonntags aus der Garage geholt werden, ist der Unimog auch als Liebhaber-Auto ein Nutzfahrzeug; vielleicht nicht mehr beim Militär, bei der Feuerwehr oder anderen Hilfsdiensten. Aber auch in Privathand muss sich der Unimog seinen Unterhalt oft noch durch schwere Arbeit verdienen, muss für Städter das Wochenendgrundstück beackern oder dem Villenbesitzer das Brennholz aus dem Wald schleppen.

Große Spanne bei den Preisen

Entsprechend bodenständig sind die Preise, sagt Hildebrandt: Ungepflegte aber voll fahrfähige Modelle, also Arbeitsgeräte für den Alltag, gibt es nach seiner Einschätzung deshalb bereits für 5000 Euro. Doch Vorsicht: Besonders gut restaurierte und polierte Exemplare wechseln auch mal für 70 000 oder 80 000 Euro den Besitzer. Viel Geld für ein Werkzeug aber ein Schnäppchen für einen alten Mercedes, der sogar auch mal siebenstellige Preise erzielt. Aber immerhin sechsstellig schafft auch der Unimog, weiß Hildebrandt und berichtet von Prototypen, die für mehr als 200 000 Euro angeboten wurden. „Erzielt hat der Besitzer dann aber deutlich weniger“, muss er mit einem Lächeln einräumen.

Dass mittlerweile Unimogs bei Oldtimer-Treffen auftauchen und wie Garagengold aufpoliert sind, darüber kann Winzer Rauscher nur lachen. Für ihn bleibt sein U421, der mit 1976 übrigens das gleiche Baujahr hat wie er selbst, auch als Veteran ein Werkzeug. Das kommt fast täglich zum Einsatz.

Hart rannehmen aber auch mit Blumen schmücken

Getreu den Vorgaben seiner Erfinder nutzt er den Unimog dabei universell. Wenn der Veteran, den Rauscher Junior mit dem Weinberg vom Vater übernommen hat, nicht im Wingert unterwegs ist, fährt er den Schutt zur Deponie, der beim Umbau der eigenen Besenwirtschaft anfällt. Mal schleppt er mit ihm die zwei Hänger zur Genossenschaft. Und bisweilen traut er sich mit dem Unimog sogar auf eine Landpartie - immerhin schafft er mit viel Gas und Geduld 67 km/h.

Und hin in wieder poliert sogar den Winzer den roten Rentner doch mal auf Hochglanz, schmückt ihn bisweilen auch mit Blumen - wenn im Herbst die Lese eingefahren wird, oder wenn einer seiner Freunde den Bund fürs Leben schließt. Denn dann wuchtet er ein altes Sofa auf die kleine Pritsche, chauffiert das Brautpaar zur Kirche und adelt den Unimog auch noch zum Hochzeitsauto. Das ist eine Rolle, die vor 75 Jahren wahrscheinlich selbst seine Erfinder dem Universalen Motor-Gerät nicht zugetraut hätten.

Von Thomas Geiger, dpa


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