Mehr „Roarrr“ als „Miau“: Das kurvige Design des potenten E-Types begeistert nun schon seit 60 Jahren. Mehr „Roarrr“ als „Miau“: Das kurvige Design des potenten E-Types begeistert nun schon seit 60 Jahren. - © Foto: picture alliance/dpa/Jaguar Deutschland | Jaguar Deutschland -
DAUN, 14.04.2021 - 10:42 Uhr
Auto & Technik

Sportlicher Star der Swinging Sixties: 60 Jahre Jaguar E-Type

(dpa/tmn) - Es ist kühl an diesem Frühlingsmorgen im Genfer Parc des Eaux-Vives. Doch zumindest ums Gemüt ist den meisten schnell warm. Über Nacht in einem Husarenritt auf eigener Achse aus England in die Schweiz gefahren, präsentiert Jaguar hier am 15. März 1961 zum Auftakt des Automobilsalons mit noch knisterndem Motor und glühendem Auspuff den E-Type. Ein Auto, das die Herzen der High Society im Sturm erobert. Die ungewöhnliche Premiere ist jetzt zwar fast genau 60 Jahre her, doch hallt sie bis heute nach.

„Denn der E-Type ist eine wahre Ikone, heute noch genauso herausragend wie bei der Enthüllung 1961“, sagt Dan Pink, der die Classic Abteilung bei Jaguar in Gaydon leitet. „Design und Technik waren ihrer Zeit voraus und begeistern bis heute.“ Vom damaligen Designchef Malcolm Sayer mit endlos langer Haube, knapper Kabine und keckem Heck gezeichnet, wird der E-Type als Nachfolger des angestaubten XK zum Star des Salons. Er übertrifft alle Erwartungen: Hatten die Briten anfangs auf den Verkauf von höchstens 1000 Exemplaren gehofft, werden sie von Bestellungen nur so überrannt. Sie produzieren schnell fünfmal so viele Autos - und zwar pro Jahr.

Stars und Sporterfolge mehren den Ruhm

Zu den Kunden zählen nach Angaben der Presseabteilung Stars wie Steve McQueen, Brigitte Bardot, Frank Sinatra, George Harrison, Tony Curtis oder Britt Ekland. Sie alle mehren den Ruhm, den der E-Type auch als Rennwagen einfährt. So wird er zum sportlichen Star der Swinging Sixties und nicht minder berühmt als die Beatles oder der Mini-Rock.

Selbst die Konkurrenz ist beeindruckt: Vom „schönsten Auto der Welt“, schwärmt Enzo Ferrari und teilt diese Einschätzung offenbar mit den Kuratoren des Museum Of Modern Art in New York. Sie loben die die perfekten Proportionen des E-Type, seine klare Linienführung und seinen Einfluss auf kommende Generationen von Sportwagen: Als damals erst drittem Auto gewähren sie ihm deshalb 1996 einen Dauerplatz in ihrer Design Collection, berichtet Classic-Manager Dan Pink.

Der E-Type sieht aber nicht nur faszinierend aus, sondern ist auch ebenso zu fahren - selbst heute noch. Denn noch immer reicht ein Gasstoß - dann wird der Jaguar zu einem Raubtier und fletscht wütend die Zähne. Wie ein Dolch sticht die endlos lange Haube in den Wind und während die Füße wild über die kleinen Pedale fliegen und die Hände sich immer fester um den dünnen Kranz des Lenkrads schließen, fühlt man sich nach wenigen Minuten wie Testfahrer Norman Dewis und PR-Chef Bob Berry. Die haben 1961 bei Nacht und Nebel Coupé und Roadster im Kampf gegen die Uhr zur Premiere nach Genf geprügelt.

Schnellstes Serienauto der Welt

Damals wie heute steckt im Bug ein 3,8 Liter großer Sechszylinder, der 198 kW/269 PS leistet und den Wagen auf bis zu 240 km/h beschleunigt. In den Sixties war das genug für fünf Siege in Le Mans und den Ehrentitel als schnellstes Serienauto der Welt. Und auch heute wird einem damit noch immer ziemlich heiß ums Herz. Denn der F-Type, mit dem die Briten 2013 an die Legende angeknüpft haben, mag vielleicht schneller und stärker sein, und ganz sicher einfacher zu fahren. Doch so leidenschaftlich wie die Legende ist er lange nicht.

Kein Wunder, dass die Briten das Original hegen und pflegen. So verkauft Jaguar Classic nicht nur restaurierte Oldtimer und Nachbauten von besonders raren Sondermodellen, die besser in Schuss sind als damals die Neuwagen. Sondern sie haben den E-Type sogar in die Neuzeit geholt und verkaufen ihn als umgerüstetes Elektroauto.

Neben seinem Design und seinen Fahrleistungen nennt Oldtimer-Spezialist Frank Wilke noch einen weiteren Grund für den Erfolg des E-Type: Seinen vergleichsweise bodenständigen Preis: „Der E-Type war für seine Zeit ein bezahlbares Auto und viel billiger als Konkurrenten wie der Ferrari 250 GT oder der Aston Martin DB4“, sagt der Experte von Classic Analytics in Bochum. Jaguar beziffert den Einstiegspreis mit damals 2256 Pfund und rechnet das für heutige Verhältnisse mit 38 000 Pfund um. Das sind keine 45 000 Euro und damit rund ein Drittel weniger, als der F-Type aktuell kostet.

Für Experten einer der wichtigsten Oldies aller Zeiten

Immer wieder aktualisiert und zuletzt sogar mit einem 5,3 Liter großen V12-Motor und bis zu 232 kW/315 PS angeboten, hält sich der E-Type bis zur einsetzenden Ölkrise. Er wird erst 1974 eingestellt - nach 14 Jahren und 72 529 Exemplaren. Das macht den E-Type zum ersten Sportwagen aus der Großserie, rühmt ihn die Classic-Abteilung der Briten in der Rückschau. Und zu einem attraktiven Auto für Sammler und Schrauber, ergänzt Wilke. Er zählt den E-Type zu den zehn wichtigsten Oldtimern aller Zeiten: „Der Jaguar war über alle Marken hinweg akzeptiert und als Ikone anerkannt, nicht einmal der schlechte Ruf englischer Technik konnte an seinem Ruhm kratzen.“

Während andere Klassiker nach dem Ende der Produktion erst einmal durch ein Tal tiefer Preise gehen müssen, habe der E-Type immer sein Niveau halten können. „Er ist nie in den Strudel des normalen Gebrauchtwagengeschäfts geraten“, sagt Wilke. Aber er ist auch nie zum Spekulationsobjekt oder zum Star bei Auktionen geworden. Denn Coupés aus den ersten Jahren gibt es nach Angaben von Classic Analytics noch immer für rund 100 000 Euro und Roadster für etwa 25 Prozent mehr: „Gemessen an seiner Bedeutung ist das eigentlich zu billig“, so das Urteil des Experten.

Von Thomas Geiger, dpa


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