Feierbiest: Das limitierte Sondermodell „25 Jahre“ sprintet aus dem Stand binnen vier Sekunden auf Tempo 100 und läuft maximal 293 km/h schnell. Feierbiest: Das limitierte Sondermodell „25 Jahre“ sprintet aus dem Stand binnen vier Sekunden auf Tempo 100 und läuft maximal 293 km/h schnell. - © Foto: picture alliance/dpa/Porsche AG | Porsche AG -
DAUN, 29.03.2021 - 09:28 Uhr
Auto & Technik

Zurück in die Zukunft: Porsche erfand sich mit dem Boxster neu

(dpa/tmn) - Es gibt bessere Gelegenheiten für Open-Air-Momente als Detroit im Winter. Denn selbst wenn es an diesem 5. Januar 1993 ungewöhnlich mild ist in Michigan, hat ganz sicher kein Besucher der Detroit Motor Show jenen neuen Roadster auf der Rechnung, den Porsche da als Studie ins Scheinwerferlicht gerückt hat. Umso größer ist die Begeisterung für den silbernen Zweisitzer, dem sie den Namen Boxster aufs Blech geklebt haben.

So groß, dass der Stuttgarter Sportwagenhersteller nur drei Jahre später, im März 1996 auf dem Genfer Salon die kaum veränderte Serienfassung vorstellt und sie im Sommer ab 76.500 D-Mark in den Handel bringt. Für kaum mehr als die Hälfte dessen, was damals ein 911 Cabrio kostet.

Der Zeitpunkt ist reif für einen offenen Flitzer

Damit beginnt vor ziemlich genau 25 Jahren die Karriere eines Sportwagens, den viele für das vielleicht authentischste Modell der Schwaben halten und ohne das es die Firme heute vielleicht gar nicht mehr geben würde. Der Zeitpunkt für die Premiere war wohl gewählt, denn beflügelt vom Mazda MX-5 erlebt der Roadster in den frühen 1990er Jahren eine gewaltige Renaissance, die auch die deutschen Nobelhersteller erfasst: BMW bringt den Z3, Mercedes den SLK und Porsche den Boxster.

Doch hat der Wagen für die Zuffenhausener eine ungleich kritischere Bedeutung: Die Baureihen 928, 968 und der 911 der Generation 964 haben alle ihren Zenit überschritten, bilanzieren die hauseigenen Historiker in der Rückschau. Auf dem wichtigen US-Markt ist Porsche bei den Totgesagten, Absatz, Umsatz und Ertrag sind im Keller. Dann übernimmt ein neues Team mit Wendelin Wiedeking als Vorstand, Horst Marchart als Entwicklungschef und Harm Lagaay als Designer und versucht mit dem Boxster den Turnaround.

James Dean im Kopf und den Wind in den Haaren

Stilistisch besinnen sie sich mit dem 4,32 Meter langen und 1,32 Meter flachen Roadster mit dem internen Code 986 ihrer Wurzeln und zitieren Ikonen wie den durch James Dean berühmt gewordenen 550 Spyder oder den Rennsportwagen 718 RS 60 Spyder und treffen den Nerv der Zeit so genau, dass es kaum mehr Änderungen gibt. Wo sonst zwischen Studie und Serie oft noch jahrelang retuschiert wird, grätscht der Vorstand hier laut Pressesprecher Jonas Bierschneider ein und ordnet an: „Bitte genauso bauen.“

Doch technisch gehen sie einen ganz neuen Weg: Sie stellen den Sechszylinder-Boxermotor nicht nur von Luft- auf Wasserkühlung um, sondern etablieren auch ein neuartiges Gleichteilekonzept, erinnert Bierschneider: Der Boxster nutzt bereits viele Komponenten des ein Jahr später präsentierten 911 der Generation 996 und ermöglicht den Schwaben so die Rückkehr zu einer profitablen Produktion.

Der Erfolg gibt den Schwaben recht

Und die Nachfrage übertrifft alle Erwartungen: Schon 1997 werden deutlich mehr Boxster bestellt, als das Stammwerk Zuffenhausen bauen kann. Daher lässt Porsche den Zweisitzer - auch das hat es bis dato nie gegeben - auch beim Karosseriebauer Valmet im finnischen Uusikaupunki montieren.

Die Verwandtschaft mit dem 911 tut dem Boxster gut: Wo frühere Einstiegsmodelle wie der 914 von Porsche-Fans nie so richtig ernst genommen wurden, stand die Abstammung damit außer Frage: Der Boxster wird auf Anhieb als echter Porsche akzeptiert. Und die Werbung tat ihr Übriges dazu: „Bevor Sie sich in die Tochter verlieben, schauen Sie sich die Mutter genauer an“ haben die Schwaben damals plakatiert.

Spätestens nach der ersten Ausfahrt sind alle Zweifel ohnehin wie weggeblasen: Denn mit seinen 150 kW/204 PS und 245 Nm hat der 2,5 Liter große Sechszylinder mit dem nur 1250 Kilo schweren Boxster tatsächlich leichtes Spiel. Das Auto tänzelt förmlich auf der Ideallinie und hat einen Biss, wie ihn selbst die stärkeren 911 nur noch in den scharfen Sportversionen entwickeln.

Der Zahlen auf dem Papier fühlen sich in der Praxis anders an

Natürlich sind 6,9 Sekunden von 0 auf 100 km/h für einen Porsche allenfalls Durchschnitt. Und über 240 km/h Spitze mögen eingefleischte Elfer-Fahrer milde gelacht haben. Doch in diesem kleinen und leichten Sportwagen, mit dem Wind in den Haaren und dem Triebwerk direkt im Nacken fühlt sich das alles viel schneller, intensiver und authentischer an. Zumal es ja nicht beim 2,5-Liter-Motor bleiben muss. Schon die erste Boxster-Generation bekommt 1999 einen 2,7-Liter-Motor mit zuletzt 168 kW/228 PS und den Boxster S mit 3,2 Litern Hubraum und später 191 kW/260 PS.

Mit dem Generationswechsel 2004 wird aus dem 986 der 987, der Hubraum klettert auf bis zu 3,4 Liter und die Leistung auf maximal 228 kW/310 PS. Außerdem bekommt der Boxster einen Bruder. Denn vom Erfolg des Roadsters beflügelt, präsentieren die Schwaben 2005 mit der gleichen Technik das Coupé Cayman. 2012 folgt die Generation 981, die mit kürzeren Überhängen, nach vorne gerückter Frontscheibe und Stoffdach ohne Verdeckkasten noch knackiger auftritt, und mit Motoren von maximal 3,8 Litern und 276 kW/375 PS noch schneller fährt.

Vier Jahre später allerdings stellt Porsche die Weichen noch einmal um, bringt die Baureihe 982 und rüstet bei den Motoren ab: Die Leistung liegt zwar bei bis zu 269 kW/365 PS, doch müssen von nun an vier Zylinder reichen. Nur im Boxster Spyder von 2019 und dem GTS 4.0 von 2020 feiert der Sechszylinder mit 294 kW/400 PS noch einmal ein furioses Comeback. Kein Wunder, dass auch das Sondermodell zum runden Geburtstag im Frühjahr 2021 mit diesem Motor ausgestattet ist.

Jetzt kaufen - oder sich später ärgern?

25 Jahre und rund 357.000 Exemplare nach dem Debüt steht der Boxster jetzt an der Schwelle zum Oldtimer und ist für Fans der Marke nach Einschätzung des Marktbeobachters Frank Wilke der vielleicht attraktivste Porsche in der Palette: „Einerseits sind der Boxster und sein geschlossener Bruder Cayman die ehrlicheren Elfer, weil sie keine übergewichtigen Wohlstandsautos geworden, sondern echte Sportwagen geblieben sind und mit weniger Leistung deutlich mehr Fahrspaß bieten“, sagt der Chef des Analysehauses Classic-Analytics. „Und andererseits haben sie die gewaltigen Preissprünge ihres großen Bruders bislang nicht erlebt.“

Noch könne man für kleines Geld gute Autos aus erster oder zweiter Hand bekommen, sagt Wilke und taxiert die Marktpreise für gute Autos aus der ersten Serie auf 17.000 Euro aufwärts: „Wer da jetzt nicht zuschlägt, wird sich vielleicht schon in fünf Jahren gewaltig ärgern.“

Von Thomas Geiger, dpa


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Mai 2021 / No 84

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