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DAUN, 23.05.2019 - 16:02 Uhr
Kultur

Der Bruder von nebenan: Nachbarschaft stärkt das Zuhausegefühl

(dpa/tmn) - Eine Nachbarschaft ist wie eine Familie eine Schicksalsgemeinschaft. Oft kann man nicht einfach wegziehen, wenn sie einem nicht passt. «Aber wenn man sich Mühe gibt und in die Gemeinschaft investiert, bekommt man unheimlich viel zurück», sagt Michael Vollmann, Geschäftsführer der nebenan.de Stiftung, im Interview mit dem dpa-Themendienst.

Die Organisation ruft deutschlandweit Nachbarn auf, sich am 24. Mai zu Festen zu treffen - und auch darüber hinaus mehr Kontakt zu suchen. Weil gute Nachbarschaft auch das Sicherheits- und das Zuhause-Gefühl stärken kann.

Warum sollte ich meine Nachbarn kennenlernen? Ich habe doch schon Freunde?

Es geht explizit darum, auch die Menschen außerhalb des eigenen Netzwerks und außerhalb der eigenen Filterblase kennenzulernen. Nachbarn zeichnen sich dadurch aus, dass sie geografisch ganz nah dran sind, aber ganz unterschiedliche Lebensentwürfe haben. Und wir sie gar nicht so gut kennen, wie wir es gerne hätten oder wie es sehr nützlich sein kann. Viele Leute wohnen jahrzehntelang nebeneinander her, ohne dass man aus dem Grüßen rauskommt.

Aber in der Nachbarschaft schlummert ein enormes Potenzial. Wenn ich weiß, wer neben mir wohnt, habe ich größeres Vertrauen in meine Umgebung. Ich fühle mich oft geborgener und nicht mehr so einsam. Und ich habe ein praktisches Unterstützungsnetzwerk vor der Haustür. Ich kann mal drei Eier oder eine Bohrmaschine leihen oder jemanden fragen, ob er auf meine Katze aufpasst, babysittet oder sich um meine Oma kümmern kann.

Wie reiße ich Mauern auf der anderen Seite ein, wenn meine Nachbarn nicht selbst Kontakt suchen?

Es hilft immer, wenn man auf die Leute zugeht und freundlich ist, gleichzeitig aber auch signalisiert, dass man nicht mit der Tür ins Haus fallen möchte und sogar bester Freund werden will oder muss. Damit überfordert man vielleicht auch den einen oder anderen.

Eine Gratwanderung. Haben Sie Tipps dafür?

Es ist sehr hilfreich, sich persönlich vorzustellen und Angebote zu machen, ob man sich nicht mal treffen möchte - gerne auch erst mal außerhalb der eigenen vier Wände in einem Park oder in einem Café. Und dann wird man schon sehen, ob das auf Gegenliebe stößt und daraus mehr entsteht oder ob es bei einem ersten Treffen bleibt. Auch um Hilfe zu fragen, kann ein Türöffner sein. Viele Leute helfen gern.

Was kann ich schon beim Einzug dafür tun, dass ich ein gutes Verhältnis zu meinen Nachbarn entwickele?

So ein Anlass ist immer hilfreich. Ich kenne das aus eigener Erfahrung: Ich habe mich vorgestellt, nachdem ich schon drei Jahre in meiner Wohnung gewohnt habe. Und so geht es vielen. Ich glaube, man verpasst diesen Einstieg, den Anlass, dass man irgendwo neu ist, weil man gerade sehr beschäftigt ist.

Dann braucht man andere Anlässe, um in Kontakt zu treten - zum Beispiel, wenn man mitbekommt, dass der Nachbar Geburtstag hat, gerade umbaut oder er ein großes Paket geliefert bekommt. Denn hat man einen konkreten Anlass, sich zu melden, entfällt auch beim Nachbar eher der Gedanke «Warum klingelt der jetzt bei mir? Was will der von mir?».

Die nebenan.de Stiftung veranstaltet den Tag der Nachbarn, mit dem Ziel, dass Nachbarn in ganz Deutschland sich zu Festen treffen. Was kann so ein einziges Fest unter Nachbarn bereits bewirken?

Wir haben Rückmeldung bekommen, dass viele Leute sich über das Fest wirklich gefreut haben, weil sie sowas auch schon immer mal vorhatten. Und oft heißt es «Aber irgendwie kam ich nie dazu», oder «Ich habe mich nie getraut, weil der Anlass nicht gegeben war».

Wenn einer den ersten Schritt tut und so ein Nachbarschaftsfest vorbereitet, kommen viele andere aus der Deckung und machen mit. Die hätten sich vielleicht nie getraut, das selbst anzustoßen, sind aber gerne dazu bereit, beizutragen. Dann bringt der eine den Tisch mit, die nächste die Bierbank und jemand anderes stellt sich an den Grill oder macht den Kartoffelsalat. Aus der Erfahrung, dass man unbürokratisch gemeinschaftlich etwas hinbekommt, entsteht oft Lust auf Mehr.

Auch haben wir oft die Rückmeldung bekommen: Wir haben uns jetzt zum ersten Mal getroffen und besser kennengelernt. Und im Gespräch kam schließlich raus, dass uns viele Sachen vereinen, von denen wir vorher gar nicht wussten. Wir sind uns gar nicht so fremd, wie wir dachten. Und uns stört zum Beispiel eine ganz konkrete Sache in der Nachbarschaft - das ist oft ein Müllproblem, zu schnelle und zu laute Straßen.

Daraus ergeben sich dann gemeinsame Projektideen, die im besten Falle auch dazu führen, dass sich die Menschen noch mal treffen und eine größere Gruppe entsteht, die dann gemeinsam für eine Verkehrsberuhigung einsteht oder mal gemeinsam den Park aufräumt oder eine Baumscheibe gemeinsam begrünt.

Ganz persönlich: Wie beschreiben Sie gute Nachbarschaft?

Eine gute Nachbarschaft ist wie eine Großfamilie. Man ist irgendwie eine Schicksalsgemeinsaft, man kommt schwer raus. Aber wenn man sich Mühe gibt und auch darin investiert, kann man daraus auch unheimlich viel ziehen und zurückbekommen. Umso mehr ich gebe, umso mehr wird mir gegeben. Und wie gesagt: Gute Nachbarschaft ist ein Ort, an dem man sich zu Hause fühlt und füreinander die Initiative ergreift.


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