Kellner Dino Stolfa serviert im Caffè Tommaseo einen „capo deca in b“ mit einem kleinen Glas flüssiger Schokolade. Kellner Dino Stolfa serviert im Caffè Tommaseo einen „capo deca in b“ mit einem kleinen Glas flüssiger Schokolade. - © Foto: picture alliance/dpa/dpa-tmn | Alexandra Stahl -
DAUN, 04.11.2021 - 11:17 Uhr
Touristik

Capo, Deca, Nero: Zum Kaffeetrinken nach Triest

(dpa/tmn) - Es ist nicht so, dass man ein Lexikon braucht, um einen Kaffee in Triest zu bestellen. Wer „un caffè“ ordert, kriegt auch einen - hat sich aber als Tourist geoutet.

Wer nicht auffallen will, sollte ein wenig üben: In der Hafenstadt in Italiens Nordosten ist ein Espresso „un nero“, einer mit einem Schuss Milch „un capo“ und einer mit einem Häubchen Milchschaum „un giocciato“. Wer das Ganze im Glas statt in der Tasse möchte, fügt ein „in b“ hinzu („in bicchiere“ heißt „im Glas“). Alles klar soweit?

Es sei nicht einfach mit dem Kaffee, heißt es auf der Homepage des Stadtmarketings von Triest. Dort ist dem Thema ein eigener Bereich gewidmet. Erklärt wird, „wie man in Triest einen Kaffee bestellt“. Ein Cappuccino, liest man, nennt sich „caffélatte“. Und wer außerhalb der Stadt „un nero“ bestellt, bekommt Rotwein.

In Triest gibt es ein Kaffeemuseum, eine Kaffeemesse, ja sogar eine Kaffeeschule. Und einige altehrwürdige Kaffeehäuser und Konditoreien. Kaffee gehört zur Stadt wie Kaiserin Sisi zu den Habsburgern - und Triest wiederum gehörte zu den Habsburgern, und zwar vom Jahr 1382 bis zum Ende des Ersten Weltkriegs 1918.

Unter den österreichisch-ungarischen Herrschern stieg die Stadt an der Adria ab dem frühen 18. Jahrhundert zum bedeutenden Handelszentrum in Südosteuropa auf. Von der einstigen Macht ist nicht mehr viel übrig, von der Kaffeeindustrie schon.

Bis heute sind dem Rohstoff am Triester Hafen rund 40.000 Quadratmeter Fläche vorbehalten. Mehr Kaffee wird in Italien nur im Hafen von Genua umgeschlagen. Getrunken werden in Triest angeblich 1500 Tassen pro Kopf im Jahr, deutlich mehr als im Rest des Landes.

Haben die Triester also alle Koffein im Blut? Am besten, man schaut in den alten Kaffeehäusern nach.

Zehn Tassen am Tag sind kein Problem

Das Antico Caffè Torinese in der Nähe der Piazza della Borsa ist eines von fünf Kaffeehäusern in der Stadt, die auf der landesweit geführten Liste von „locali storici“ stehen und damit zu den ältesten Lokalen Italiens zählen. Der Marmortresen und der Kronleuchter darüber sind Originale aus dem Eröffnungsjahr 1919. Dahinter wird nicht nur Kaffee zubereitet, es werden auch Cocktails gemixt.

Wie viel Kaffee sie täglich trinken, frage ich die Frauen hinter dem Tresen. „Cinque“, fünf, sagt Giada Balanzin, 23, aber ihre Kollegin Adel Flores, 22, überbietet sie: „Sei“, sechs also. Und ihr Chef - das sagen sie beide - der schaffe sogar „dieci“: zehn.

Kaffee sei in Triest ein Ort, an dem die Seele wohne, zitiert das Triester Stadtmarketing dann auch Roberto Morelli, der sich wiederum als Marketingchef von Illy entpuppt. Der Kaffeekonzern wurde 1933 in Triest gegründet. Der heutige Chef Andrea Illy soll bei seiner ersten Tasse Kaffee angeblich vier Jahre alt gewesen sein.

Sicher ist: Sein Bruder Riccardo war lange Bürgermeister der Stadt, später Präsident der Region Friaul-Julisch Venetien, deren Hauptstadt Triest ist. Sicher ist auch: Der Großvater - Francesco Illy - entwickelte den Vorläufer der heutigen Espressomaschine.

Kaffee wird schnell im Stehen getrunken

Dass Kaffee in Triest bis heute vor allem ein Geschäft ist, wird spätestens am nächsten Morgen klar. Fortsetzung der Kaffeehaus-Tour, und zwar im Caffè Stella Polare, noch eines der fünf traditionellen Häuser. Getrunken wird am am Tresen, schnell und im Stehen, wie man es aus Italien kennt.

„Buongiorno, caffè?“, ruft der Baristo, sobald einer das Café betritt. „Un capo in b, per favore“, sage ich zum ersten Mal und bekomme ein Glas mit Espresso und einem Schuss Milch. In Deutschland würde man das Espresso Macchiato nennen und aus der Tasse trinken. Hier, in dem kleinen Glas, sieht es aus wie ein Baby-Latte-Macchiato.

Draußen am Canal Grande steht James Joyce (1882-1941), jedenfalls sein Denkmal. Der irische Schriftsteller lebte von 1905 bis 1915 in Triest. Es gibt kaum ein Café, das nicht damit wirbt, dass der Mann einmal dort gewesen wäre. Weitere Namen, die immer zu hören sind: Italo Svevo (1861-1928), Umberto Saba (1883-1957), Claudio Magris, alles Schriftsteller. Frauennamen fallen nie.

In der 1900 eröffneten Konditorei Pirona soll Joyce sein Meisterwerk „Ulysses“ begonnen haben. Andere sagen: seinen Wälzer.

Die Zeit scheint immer knapp zu sein

An diesem Morgen blickt Joyce nur noch von einem Foto auf die klassischen Triester Backwaren, die es auch in jedem Supermarkt gibt. Sie nennen sich Pinza, Presnitz oder Putizza. Fast meint man, wieder ein Lexikon zu brauchen. Um es kurz zu machen: Es sind diverse Kuchen, mal mit Hefe, mal aus Blätterteig.

Man kann einfach bestellen, was am besten aussieht, zum Beispiel ein Kipfel mit „noci“, Walnüssen. Der Baristo bringt dazu „giocciato“, Espresso mit Milchschaum, diesmal in der Tasse. „Non ho tempo!“ ruft er allerdings auch: Ich habe keine Zeit!

Der Baristo wirbelt zwischen Espressomaschine, Geschirrspüler und Kasse umher, nimmt Bestellungen entgegen, macht neue Tabletts fertig. Aus der Küche bringen Kollegen frische Torten für die Glasvitrinen. In den drei Sekunden, in denen er mal nichts zu tun hat, verrät er, dass er am Tag moderate drei Tassen Kaffee trinke und Massimo heiße. Zu seinem Nachnamen kommen wir nicht, der nächste Kunde spaziert herein. „Buongiorno, prego?“, ruft Massimo.

Schlange stehen für einen „deca“

Weiter zur Piazza dell'Unità d'Italia, angeblich Europas größter Platz mit offenem Blick aufs Meer. Dort residiert das Caffè degli Specchi, das größte Kaffeehaus Triests. Es wurde 1839 eröffnet und war einst Treffpunkt der Irredentisten, der Befürworter der italienischen Einheit, später dann, nach dem Zweiten Weltkrieg, Quartier der britischen Marine. Laut dem Betreiber werden hier 900 000 Tassen Kaffee im Jahr ausgeschenkt. Wie bitte, fast eine Million?

Aber ja, man glaubt es beinahe. Wer rein will, muss schon mal Schlange stehen. Eine Art Platzwärter bringt mich zu einem Tisch in letzter Reihe, guter Ausblick auf das Treiben, eine entspannte Mischung aus Touristen und Einheimischen: alte Damen mit kleinen Hunden, junge Pärchen mit großen Koffern, Zeitungsleser, Weißweinfrühstücker. Hier könne man sich ein bisschen wie Sisi fühlen, schreibt die Stadt auf ihrer Homepage.

Die beiden bisherigen Kaffee wirken inzwischen. Also bestelle ich „capo deca in b“ wie ein einheimischer Vollprofi. Das „deca“ steht für „decaffeinato“, entkoffeiniert. Ein verkabelter Kellner mit Knopf im Ohr bringt ihn zusammen mit einem kleinen Glas flüssiger Schokolade, wohl als Ersatz für den Keks zum Kaffee.

Kaffee mit Ginseng oder Schnaps

Gemächlicher geht es nebenan im Caffè Tommaseo zu, Triests ältestem Kaffeehaus, 1830 eröffnet und das erste Café Italiens, in dem es Eiscreme gab. Vor dem Eingang hängt eine Liste mit den Kaffeespezialitäten: Neben „capo“ und „nero“ gibt es Kreationen mit Ginseng oder Schnaps wie in den anderen Häusern auch.

Die Kellner tragen weiße Jacketts und Stoffhandschuhe, sind aber nicht so steif wie ihre Kleidung vermuten lässt. Einer macht bereitwillig ein Gruppenfoto von drei älteren Damen, sein Kollege stellt sich als Dino Stolfa vor und verrät, dass er 30 ist, Physik studiert und keinen Kaffee trinkt - nur Tee. Das Interieur ist gediegen: Holzparkett, Stuck, gläserne Theke. Leise Klaviermusik.

Ähnlich schick ist es in der Via Cesare Battisti im 1914 eröffneten Antico Caffè San Marco, dem letzten der fünf historischen Kaffeehäuser. Oder in Triests ältester Konditorei La Bomboniera. Die öffnete 1836 ihre Türen und steht wie die Feinbäckerei Pirona auch auf Italiens Liste der „locali storici“.

Erinnerungen an bessere Tage

Quer durch die Stadt finden sich immer wieder Schaufenster mit historischen Kaffeewaagen, Mühlen oder Espressokochern - nur die Läden dazu gibt es nicht mehr. Viele Geschäfte stehen leer. Staubige Fensterrahmen, verrammelte Türen. Triest hat seine besten Zeiten wohl hinter sich, die Exponate sind eher eine blasse Erinnerung daran.

„Die Stadt wirkt auf den ersten Blick schnell und geschäftig, aber darunter ist alles sehr langsam“, sagt Alberto Polojac.

Er gibt an, mehr als zehn Tassen Kaffee am Tag zu trinken, und hat sich eine Kaffeebohne mit Schnurrbart und Hut ausgedacht: Mr. Bloom, das gleichnamige Logo seiner Kaffeeschule, der Bloom Coffee School in der Nähe des Triester Bahnhofs. Dort bietet Polojac, der in dritter Generation die Kaffeefirma Imperator leitet, Schulungen für Geschäftsleute an, aber auch für Laien.

Mr. Bloom ist nach Leopold Bloom benannt, dem Protagonisten in „Ulysses“. Joyce, Kaffee, Triest, das gehöre doch alles zusammen, sagt Polojac. Immerhin sei seine Heimatstadt die einzige in Südeuropa, die jeden Juni den Bloomsday feiere. Eine Hommage an Joyce, dessen „Ulysses“ an einem einzigen Tag im Juni 1914 spielt.

Aufgewachsen ist Polojac mit dem Geruch von Kaffeebohnen. Nicht mit den gemahlenen, sondern mit den ganzen, mit denen schon sein Großvater handelte. Die meisten Leute, sagt der 44-Jährige, wüssten nicht mal, dass Kaffee eine Frucht sei, sie würden nur das Endprodukt aus dem Supermarkt kennen. Für Triest wünscht er sich wieder mehr traditionelle Röstereien wie zu Zeiten seines Großvaters. Und dass die Stadt mehr aus ihrem Erbe macht - es sei ja alles da.

Ein Leben mit und für den Kaffee

So ähnlich sieht das auch Gianni Pistrini, der das Kaffeemuseum der Stadt betreut, aber derzeit nur einen Teil der Objekte in einem winzigen Ladengeschäft in einem Wohnviertel zeigen kann. Eigentlich ist das Museum Teil des Handelsmuseums im Palazzo Dreher in der Innenstadt, aber der wird gerade renoviert.

Pistrini ist 62 und hatte sein ganzes Leben mit der schwarzen Bohne zu tun. Einst am Hafen für eine Firma, die es nicht mehr gibt, später als Journalist und Kaffeetester und nun - europaweit - als Experte. Dabei trinkt er selbst nur noch selten eine Tasse. Und schon gar nicht in einem der Triester Kaffeehäuser. Wer so viel über Kaffee wisse wie er, werde wählerisch, sagt er und lächelt.

Info-Kasten: Triest

Anreise: Mit dem Zug ist Triest am besten vom Münchner Hauptbahnhof zu erreichen, Verbindungen entweder über Verona Porta Nuova und Venedig Mestre oder über Villach und Udine. Dauer je nach Verbindung zwischen sieben und neun Stunden, ab 70 Euro einfache Fahrt. Direktflüge zum Triester Flughafen gibt es derzeit nur mit Lufthansa von Frankfurt am Main aus, ab 120 Euro hin und zurück.

Historische Kaffeehäuser und Konditoreien: Antico Caffè Torinese, Corso Italia 2, Antico Caffè San Marco, Via Cesare Battisti 18, Caffè Degli Specchi, Piazza dell'Unità d'Italia 7, Caffè Tommaseo, Piazza Nicolò Tommaseo 4, Caffè Stella Polare, Via Dante Alighieri 14, Konditorei Pirona, Largo della Barriera Vecchia 12, Konditorei La Bomboniera, Via Trenta Ottobre 3, Kaffeemuseum Triest: Handelsmuseum, Via San Nicolò 7, derzeit geschlossen. Provisorisches Museum in der Via Aldo Manuzio 10B, Öffnung nach Anmeldung (pistrinig@hotmail.com).

Einreise und Corona-Lage: Bei der Einreise müssen Erwachsene und Kinder ab sechs Jahr eine Online-Anmeldung ausfüllen und eine Impfung, Genesung oder negativen Corona-Test nachweisen. Vor Ort wird der „Grüne Pass“ benötigt, um zum Beispiel Museen und Restaurants besuchen zu können. Es gilt das in Deutschland gängige EU-Zertifikat.

Informationen: www.discover-trieste.it

Von Alexandra Stahl, dpa


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