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DAUN, 07.04.2020 - 13:44 Uhr
Touristik

Prinzip Hoffnung: Was uns Souvenirs in Corona-Zeiten bedeuten

(dpa/tmn) - „Souvenirs einer großen Zeit sind die bunten Träume unsrer Einsamkeit“ - das trällerte der deutsch-amerikanische Schlagsänger Bill Ramsey 1959. Selten war dieser Satz so passend wie in den Zeiten der Corona-Pandemie. Die ganze Welt sitzt in den eigenen vier Wänden, Reisen unmöglich. Andenken früherer Urlaube und aus fernen Ländern erinnern an bessere Tage.  

„Wie in Zeitlupe nehmen wir jetzt alles genauer wahr, weil sich alles verlangsamt. Wir sitzen auf dem gleichen Stuhl, während wir alles Mögliche von zu Hause aus erledigen, und der Blick schweift auf die Souvenirs“, so beschreibt es der Kulturwissenschaftler Prof. Wolfgang Kaschuba. „Diesen Erinnerungsstücken kommt in einer Zeit der zurückweichenden Horizonte, in der wir ja oft nur noch die Aussicht aus dem Fenster haben, ein größeres Gewicht zu.“

Zeit für die Frage: Warum kaufen wir überhaupt Souvenirs? Was bedeuten sie uns, gerade jetzt, da wir nicht mehr reisen können?

Hochkultur und Alltags-Trash

„Für mich sind Souvenirs mehr als eine Erinnerungsstütze“, sagt die Kunsthistorikerin Katharina Koppenwallner, die in ihrem Shop International Wardrobe ethnische Textilien verkauft. „Sie sind oft auch handwerkliches Überbleibsel einer Welt, die bei uns verschwunden ist“, erklärt die Autorin, die ein Buch über Souvenirs geschrieben hat. Ein Beispiel seien bestimmte, handgemachte Stoffe aus Indien. So etwas gebe es in Deutschland gar nicht mehr. 

„Souvenirs sind in Verruf geraten, weil alle Leute denken, das sei so ein Folklore-Quatsch“, sagt Koppenwallner. “Aber es gibt in jedem Land eine materielle Kultur, die man entdecken kann. Da blättert sich einem eine Geschichte auf, die sehr spannend ist.“

Vorsicht jedoch vor Souvenir-Snobismus: Ein Andenken von einer Reise muss weder Kunstobjekt noch authentischer Alltagsgegenstand sein. „Ich finde auch ein T-Shirt mit der Aufschrift „I love New York“ gut“, sagt Koppenwallner. „Auch das kitschige, ironische Souvenir kann eine Geschichte erzählen. Man sollte sich hüten, das zu bewerten.“ Letztlich könne alles ein Souvenir sein.

Zwischen Lebens- und Weltgeschichte 

Verbreitete Subgenres sind zum Beispiel das Flughafen-Souvenir (Tasse, Kühlschrankmagnet), das Bildungsbürger-Souvenir (exotisches Kunsthandwerk) und das Party-Touristen-Souvenir (T-Shirt mit Biermarke). Und es gibt die zwielichtigen Souvenirs, deren Ausfuhr oft illegal ist, etwa Antiquitäten oder Jagdtrophäen.

Andenken verraten viel über den Reisenden, manchmal vielleicht mehr als über das Reiseziel. Sie sind auch Ausdruck von Geschmack und Identität. Das Souvenir als Statussymbol.

„Souvenirs haben oft mit Kitsch zu tun, manchmal mit Kunst, immer jedoch mit Gefühlen“, resümiert Kaschuba. Sie hätten nämlich auch eine biografisierende Funktion. „Nach dem Motto: Ach ja, da waren wir vor zehn Jahren!“ Man erinnert sich, teilt das Leben in Episoden.

Und dann kann es darum gehen, sich mit der Geschichte in Verbindung zu setzen. Das am häufigsten gefälschte Souvenir sei wohl das Stück Berliner Mauer, sagt Kaschuba. „Das ist ein Stück Weltgeschichte zum Anfassen und Ins-Regal-stellen, ein haptisches Erlebnis. Das macht Gänsehaut und fängt den Pathos dieses Ortes ein.“

Exquisite Geschenke und naive Volkskunst

„Die Idee des Souvenirs ist im 16. und 17. Jahrhundert entstanden, mit den Kavaliersreisen vor allem junger, adeliger Männer“, erklärt Kaschuba. Die Mitbringsel damals seien exquisit gewesen, etwa das Parfüm aus Paris oder die Lederarbeit aus Italien.

So etwas wie eine Souvenirindustrie sei dann etwa ab dem Jahr 1850 entstanden, erklärt der Ethnologe. „Nach der gescheiterten Revolution in Deutschland ging das Bürgertum wandern, im Taunus, im Erzgebirge. Dort stellte die Bevölkerung Fremdenzimmer zur Verfügung“ - und offerierte bald auch handwerkliche Arbeiten. „Das Bürgertum liebte diese aus seiner Sicht 'naive' Volkskunst.“

Ursprünglich sollte dem Souvenir etwas Authentisches anhaften, sagt Kaschuba. „Aber die Exklusivität ist verloren gegangen.“ Souvenirs seien allgegenwärtig und überall verfügbar. „Auf Reisen nach Österreich zum Beispiel habe ich die Mozartkugeln für Zuhause oft schon am Flughafen Tegel gekauft“, erzählt der Kulturwissenschaftler.

Die Inflation der Bilder

Haben Souvenirs durch die Vielzahl an digitalen Urlaubsfotos und Selfies nicht ernsthafte Konkurrenz bekommen, sind vielleicht sogar etwas obsolet geworden? Die Experten verneinen das.

Im Gegenteil: „Souvenirs haben eine höhere Wertigkeit erhalten durch die Inflation der Bilder“, sagt Kaschuba. „Das Souvenir ist darauf ausgelegt, eben nicht flüchtig zu sein.“

Koppelwallner weist noch auf einen anderen Punkt hin: “Ein Foto spielt einem eine Realität vor, die es nicht unbedingt hat. Objekte können das nicht und versuchen es auch gar nicht.“ Das sei einer der Gründe, warum handfeste Souvenirs dem Betrachter mehr Spielraum gäben für eigene Interpretationen, Gefühle und Gedanken.

Souvenirs als Mitbringsel

Häufig kauft der Reisende das Souvenir nicht für sich selbst, sondern für andere - dann wird daraus ein Mitbringsel, das für Geselligkeit sorgt. Das gilt vor allem für kulinarische Souvenirs. „Denken Sie an die Flasche Wein“, sagt Kaschuba. „Die trinkt man irgendwann gemeinsam, um festzustellen: In Italien schmeckt sie doch am besten.“ Hier kommt der Aspekt des Teilens ins Spiel.

Durch Corona ist derzeit allerdings nicht die Zeit für gesellige Zusammenkünfte. Das Gebot der Stunde heißt: zu Hause bleiben, Sozialkontakte vermeiden. Die nächste Reise lässt auf sich warten.

So fällt der Blick also wieder nur auf die Souvenirs daheim. Das könne aber auch Fernweh und Zukunftsfreude auf die Zeit nach Corona auslösen, sagt Kaschuba. „Das Prinzip Hoffnung.“

Von Philipp Laage, dpa


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